Peter van Olmen: „Odessa und die geheime Welt der Bücher“

Quelle: Niederberger

„Odessa wünschte, sie hätte einen Vater.“

Peter van Olmens Jugend-Fantasyroman „Odessa und die geheime Welt der Bücher“ aus dem Jahre 2010, erschienen im Cecilie Dressler Verlag GmbH und von Mirjam Pressler aus dem Niederländischen übersetzt, handelt von der zwölfjährigen Odessa, die ein sehr ungewöhnliches Hobby besitzt: Sie schreibt Gedichte auf kleine Papierflieger, während sie hoch oben auf den Dächern der Stadt sitzt und sich den Wind um die Ohren blasen lässt, und wirft sie hinab auf die Straßen. Dies missfällt ihrer strengen Mutter Gertrude, die versucht, die freiheitsliebende Odessa so gut es eben geht zu verstecken, ohne dieser jedoch den Grund ihrer Furcht zu nennen. Genauso wenig gibt sie ihr Antwort auf die Fragen nach Odessas Vater, obwohl das Mädchen stur weiterbohrt. Stattdessen taucht die Mutter immer weiter in den Büchern ihrer eigenen Bibliothek ab.

Eines Abends, nachdem Odessa wieder einmal heimlich auf die Dächer geklettert ist, fällt ihr ein leuchtendes Buch auf, dem sie sich nicht entziehen kann und es mitnimmt, wobei sie von merkwürdigen Gestalten in Kapuzenmänteln verfolgt wird. Sie kann sie zwar abhängen, dabei beobachtet sie jedoch, wie ihre Mutter von schweinsartigen Wesen entführt wird. Um Antworten auf ihre Fragen und Hinweise auf ihre Mutter zu finden, durchstöbert sie die Bibliothek ihrer Mutter, die diese zuvor immer verschlossen gehalten hatte. Dort findet sie das Tagebuch von Gertrude, in dem diese ihre Sehnsucht nach einem geheimnisvollen Ort namens Scribopolis, sowie immer wieder den Namen Shakespeare niedergeschrieben hat. Odessa erfährt darin auch, dass ihre Mutter sie vor ihrem Vater zu verstecken und zu schützen versucht. Ein weiterer Name, Mabarak, taucht auf. Es ist die Rede von seinen Spionen und von Gnorks – offenbar der Name der schweinsartigen Wesen -, die bereits in der Stadt sind. 

In der Bibliothek macht sie auch die Bekanntschaft eines seltsamen, sprechenden Vogels namens Lodewig Aquila (kurz Lode A.), der ihr offenbart, dass ihre Mutter in Wahrheit eine Muse – genauer gesagt die größte Muse aller Zeiten – namens Kalliope ist. Er erzählt ihr auch von der Heimatstadt ihrer Mutter, Scribopolis, einer ehemaligen Kolonie von Musen und (unsterblichen) Schriftstellern, die in der Wüste die Stadt gegründet hatten, nachdem sie verfolgt und ihre Bücher verbrannt wurden. Dort gibt es auch ein magisches Pulver, das Musenpulver, mit dessen Hilfe Bücher zum Leben erweckt werden können und somit auch Dinge aus den Büchern herausgenommen werden können. Marabak eigentlich Sir Edward de Mabarak, war der größte Schriftsteller von Scribopolis und gleichzeitig der beste Freund von Shakespeare, der mit wachsendem Eifer nach der Erschaffung des ultimativen, mächtigsten Buchs strebte. Er nannte es Buchus, das Buch, das Odessa zu Beginn der Geschichte gefunden hatte. 

Daher bleibt Odessa nichts anderes übrig, als sich mithilfe ihres neuen Wegbegleiters Lode A. auf den Weg nach Scribopolis zu machen, um endlich das Geheimnis ihrer Vergangenheit (und ihres Vaters) zu lüften und ihre Mutter wiederzufinden.

Der flämische Schriftsteller Peter van Olmen wuchs in Deurle, einem kleinen Dorf in der Nähe von Gent auf. Später lebte er als Jugendlicher für sieben Jahre in einem Wohnprojekt in Brüssel, wo er in Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen kam und anfing, erste Kindermärchen zu schreiben. „Odessa und die Welt der geheimen Bücher“ ist sein erster Roman. 

Heute lebt er gemeinsam mit seiner Frau, drei Kindern und einem Golden Retriever in Antwerpen und beschäftigt sich neben dem Schreiben vor allem mit ökologischen und psychologischen Themen. 

„Odessa und die geheime Welt der Bücher“ ist ein Fantasyroman in drei Teilen für Jugendliche ab 12 Jahren, der vor allem durch die Liebe zur Literatur erblüht: Sei es nun Shakespeare, Dostojewski oder Kafka – allen begegnet Odessa mit unbekümmerter Neugier, da sie oftmals nichts mit ihren Namen anfangen kann. Dadurch bietet sich genügend Spielraum für amüsante Begegnungen und Szenen, da die Meisterkünstler der Literatur ironisch-überspitzt und unterhaltsam dargestellt werden. Die Charaktere sind ausführlich dargestellt – besonders Odessa, die eisern und unbestechlich ihrem Weg folgt, ohne dass irgendjemand sie davon abbringen kann. Man spürt einen Reifeprozess der jungen Odessa, die zu Beginn des Werks leider teilweise etwas zu naiv und leichtgläubig dargestellt ist, und auch Lode A. ist an manchen Stellen mit seinem vorlauten Schnabel etwas penetrant.

Dennoch punktet das Werk mit seiner Handlung und der Idee des Musenpulvers, von dem man sich wünschen würde, es selbst einmal ausprobieren zu können. Auch Scrobopolis, die Stadt, in der auf Odessa einige schwierige Prüfungen warten, mit ihren historischen und wieder auferstandenen Gestalten wie Pegasus und Orpheus, dem Orakel von Delphi und dem Portal Berfea ist wunderbar dargestellt. Besonders schön ist auch das Personenglossar am Ende des Buches, das klarstellt, welche Personen von van Olmen erfunden wurden, welche aus Büchern und der Mythologie entspringen und wer wirklich einmal gelebt hat. Damit weist das Buch auch eine versteckte Lehrstunde in Sachen Literatur auf. 

Kira Marie Niederberger (MSS 13)

Kommentar hinterlassen zu "Peter van Olmen: „Odessa und die geheime Welt der Bücher“"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.




37 + = 45