Marie W. – Eine Eigenproduktion der Theater AG nach Georg Büchners „Woyzeck“

Quelle: Sarah Kühn

Wie man ein Stück aus dem 19. Jahrhundert in der heutigen Zeit so aufführen kann, dass es die Zuschauer heute noch anspricht – dies war die Frage, mit der sich die Schülerinnen und Schüler der Theater AG des Leininger-Gymnasiums in der vergangenen Zeit beschäftigt haben. Dass dies durchaus möglich ist und dabei sowohl unterhaltsam, als auch beklemmend sein kann, haben sie in ihren Aufführungen eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Wie man teilweise bereits in dem Artikel der Rheinpfalz (Ausgabe vom 01.03.2018) erfahren hat, steht statt eines einfachen Soldaten Marie Woyzeck (Isabel Herzog), Mutter einer kleinen Tochter, im Mittelpunkt. Eine Figur, die es nicht leicht im Leben hat und sich mit (Schwarz-)Arbeit als Friseuse und „Mädchen für alles“ über Wasser halten muss. Um ihre Familie versorgen zu können, nimmt sie darüber hinaus noch als Versuchskaninchen an einer fragwürdigen medizinischen Studie teil, bei der sie dazu gezwungen wird, täglich ein Medikament einzunehmen, das bei ihr starke Nebenwirkungen verursacht. Ihr arbeitsloser Lebensgefährte Franz (Daniel Korsowski) ist dabei keine große Unterstützung, da er den ganzen Tag fernsieht und das Geld für Fitnessstudio, Bars etc. ausgibt, anstatt sich nach einer Arbeit umzusehen. Ihre Tochter Emilia (Maya Awartani/Josephine Stein) leidet sehr unter der familiären Situation, nicht zuletzt, da Marie immer mehr überfordert ist und sie sich mit Franz wegen dessen Affäre mit einer Zufallsbekanntschaft (Greta Timpel) ständig streitet. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, bis Marie keinen Ausweg mehr sieht. Sie tötet Franz und danach auch sich selbst. Emilia bleibt am Ende alleine zurück wie in einem Märchen, das zuvor bereits durch die Nachbarin (Jodie Kempe) erzählt wurde und das Ende angedeutet hat.

Das Drama übt dabei recht deutlich Kritik an der Gesellschaft, an Vorurteilen und der Vorstellung des „reichen Deutschlands“. Die Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinandergeht, und die schrumpfende Mittelschicht werden nicht zuletzt durch mehrere Sprechchöre deutlich: „Wer sind die Reichen?“, „Wir sind die Mittelschicht!“, „Wir sind die Durchschnittsbürger!“.

Dabei wird Maries Notlage durch weitere Figuren wie der illegal beschäftigten Ausländerin (Julia Dejung), die sich von ihren Arbeitgebern ausbeuten lassen muss, der Prostituierten (Greta Timpel), die von ihrem Zuhälter bedroht und ausgenutzt wird, der Säuferin (Jodie Kempe), die sich die Realität schön trinken muss und der Kollegin (Sophie Rittner), die unter häuslicher Gewalt leidet, verkörpert. Im Kontrast dazu stehen die Reichen, wie Maries Kundin Frau Hohlfeld (Sophie Rittner) und Frau Radel (Louisa Neu), die keine wirklichen Sorgen haben und auf Marie herabschauen.

Die Titulierung mit Frau oder Herr zeigen dabei noch verstärkter den höheren Status und offenbar auch ihren größeren „Wert“. Hinzu kommt die Tatsache, dass alle Personen in ähnlich prekären Umständen wie Marie ebenfalls die Initialen M.W. tragen.

Die harte Rockmusik, die ablief, während die Kulisse auf- bzw. abgebaut wurde, verdeutlicht noch die Schwierigkeit, aus einer solchen sozialen Not wieder herauszukommen.

Dass das Theaterstück ein Erfolg war, sieht man auch an den zahlreichen Kommentaren und Meinungen, die von den Zuschauern auf einer Tafel niedergeschrieben wurden, die sich neben dem Theatersaal befindet.

Neben viel Lob hat auch jemand dort geschrieben, dass Brecht stolz auf die LGler Theatergruppe wäre. Und dem stimme ich zu. Der Dramatiker wäre sicherlich erfreut darüber gewesen, dass junge Leute kritisch gegenüber dem „Weiter so“ stehen und gesellschaftliche Probleme durchaus erkennen.

Daher lässt sich abschließend sagen, dass es eine gelungene Aufführung war, die zum Nachdenken einlud. Deswegen an dieser Stelle ein anerkennendes Lob an alle Schülerinnen und Schüler der Theater AG sowie an Frau Anstädt und Herrn Dhein als AG-Leiter.

Ich freue mich schon auf euer nächstes Projekt!

 

Kira Marie Niederberger (MSS 11)