Mit Kleidung oder bestimmten Zeichen etwas ausdrücken zu wollen, wenn es auch nur die eigene Persönlichkeit, ist für viele ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags. Es geht um Abgrenzung und Zugehörigkeiten wie auch um Neuinterpretationen. Dabei besteht jedoch stets die Gefahr, die Bedeutung des ursprünglichen Sinnes zu vernachlässigen oder gar religiöse oder kulturelle Gefühle zu verletzten.

Die Diskussion über die Aneignung, also das Annehmen einer Sache ohne Besitzer, von kulturellen Erzeugnissen, die nicht dem „eigenen“ Kulturkreis zugesprochen werden, hat eine Spannweite entwickelt, die sich durch diverse Subkulturen und Situationen zieht. Von der Frage, ob Weiße Dreadlocks tragen dürfen und man bei Kindergeburtstagen lieber auf das „Indianermotto“ verzichten sollte, bis hin zu dem Problem, das kulturelle Gruppen als solche schwer abzugrenzen sind, zumal jede Person einen Teil der Menschheit als solche darstellt.

In dem Versuch Klarheit zu schaffen und die Debatte auf einen gemeinsamen Punkt zu bringen, dreht sich die Diskussion vor allem um Begriffe und Definitionen, weshalb zunächst einmal zu erläutern ist, als was Kultur verstanden wird. Per definitionem kann diese die gestalterische bzw. künstlerische Betätigung der Menschen allgemein oder innerhalb einer enger eingegrenzten Epoche und Gemeinschaft sein. Auch unterscheidet man zwischen materieller – wie einem Kunstwerk als greifbares Objekt – und immaterieller Kultur. Zu letzterer zählt man die Bedeutung und Tradition eines Kulturguts, was beide Begriffe miteinander verbindet.

Die Bedeutung ist dabei nichts Konstantes, sondern in stetigen Wandel, was besonders für die Diskussion um „cultural appropriation“ von Bedeutung ist. Analog zu der Beziehung zwischen materiellem und immateriellen Gut, übt auch der Entstehungshintergrund, d.h. etwa die gesellschaftlichen Umstände, unter denen ein Kunstwerk oder ein Brauch entstanden ist, großen Einfluss auf die Bedeutung und Rezeption eines Kulturguts aus. Im Falle des Blues zum Beispiel wird die Musikrichtung mit der Versklavung und allgemein Unterdrückung der Afroamerikaner_innen in den USA in Verbindung gebracht. Dem wird die Stilrichtung einer bestimmten Gruppe und Zeit zugeordnet. Doch haben deshalb Individuen, die weder zeitlich noch sozial Teil dieser Gemeinschaft sind, deshalb das Recht darauf, das vorhandene kulturelle Reichtum für sich zu nutzen verwirkt? Kann heute überhaupt noch jemand ein Genre oder einen Brauch für sich bzw. die ihm/ihr zugeordnete Gruppe beanspruchen? Im Folgeschluss könnte dies nämlich auch bedeuten, Menschen unweigerlich aufgrund beispielsweise ihrer Hautfarbe einer bestimmten Gruppe zuzuordnen. Verbindet man diese vermeintliche Zugehörigkeit basierend auf ethnischen oder äußeren Merkmalen mit (stereotypen) Eigenschaftszuschreibungen, spricht man von „Essentialisierung“. Der Rassismus, der dahinter steht, ist oftmals verdeckt oder gar unbemerkt, da die Zuschreibungen als „allgemeiner Fakt“ betrachtet werden oder die „positiven“ Aspekte der wahrgenommenen Zugehörigkeit hervorgehoben werden.

Gleichzeitig ist beispielsweise die Unterscheidung zwischen „schwarzer“ und „weißer“ Hautfarbe bis heute gesellschaftliche Realität, was Auswirkungen auf die jeweiligen Berufschancen oder die Wohnungssuche haben kann. Auch wenn viele Weiße, die meist dominieren, dies ablehnen, profitieren sie in vielen Fällen strukturell von den mit der Hautfarbe verbundenen gesellschaftlichen Position. Der umstrittene Begriff der „Dominanzkultur“ ist dabei entscheidend. Er geht davon aus, dass eine Gruppe oder Gemeinschaft gesellschaftlich dominiert und damit anderen übergeordnet ist. Wenn vermeintliche Angehörige dieser sich nun unbedarft Kulturgüter bedienen, die nicht der ihrigen zugeordnet werden, während gleichzeitig deren „Schöpfer“ (geht man von engeren Kulturkreisen aus) weitgehend benachteiligt sind.  Der Vorwurf, die Privilegierten nähmen „everything but the burden“ (gleichnamiger Roman von Greg Tate), indem sie sich unbedarft Dreadlocks knüpften und ihre Kinder johlend um Tippies hüpfen ließen, ohne über die Herkunft der Symbole und deren oftmals leidvollen Entstehungshintergrund nachzudenken, ist daher verständlich. Man kann den politischen und kulturellen Hintergrund eines Kulturprodukts daher weder verleugnen, noch kann man tatsächlich behaupten, es gäbe tatsächlich eine homogene „black culture“, da dies implizieren würde, dass alle Menschen mit „gleicher“ Hautfarbe auch ein und dieselbe Kultur teilten.

Transformation ist ein weiteres Diskussionsstichwort. Kultur, als allgemeines Gut begriffen, lebt davon, dass sie stets Gegebenes aufgreift und erweitert, neu akzentuiert und inszeniert. Durchmischung und Neubewertung sind zentrale und konstitutive Elemente aller uns umgebenden Kunst, Kultur und Wertvorstellungen. In der Musik wird Crossover (die Durchmischung verschiedener Genres) beispielsweise kaum noch als Besonderheit wahrgenommen, sondern gehört zum akustischen Alltag.

Der politische Hintergrund ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen, wenn man über kulturelle Aneignung spricht. Die meisten Symbole sind mit höchst komplexen Bedeutungen behaftet, die schwerlich in einen einzigen zeitlichen oder kulturellen Rahmen einzuordnen sind. Ein Beispiel für vielfältige Verwendung eines Kleidungstückes aus den unterschiedlichsten Motiven und in diversen Zusammenhängen ist die Kufiya. Allein der „Wikipedia“- Eintrag reicht von dem Ursprung des Tuches als Schutz gegen Sonne und Staub, über den Nahostkonflikt und Versuche der europäischen Solidarisierung mit der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ bis hin zum Symbol der Zuordnung zu einer linken Strömung. Ob sich die meisten Träger_innen, die nach den 80ern nun wieder vermehrt zu sehen sind, all dieser beinahe unüberschaubaren Hintergründe bewusst sind oder welcher Aussage sie sich jeweils zuordnen, ist kaum zu überblicken.

Es bleibt die Frage nach der richtigen Wertung solcher Verhaltensweisen; Aneignung oder Adaption bwz. Transformation? Ist es die jeweilige Intention des Trägers, die entscheidend ist, sowie der kulturelle Hintergrund, in dem sich des Kulturguts bedient wird? Oder sollten vielmehr der tatsächliche Ursprung und die möglichen Reaktionen der Menschen bedacht werden, die unmittelbar von dieser Aneignung betroffen sind? Wenn sich Angehörige einer Subkultur beispielsweise Dreadlocks “bedienen“, um etwa ihre persönliche Befreiung aus oder ihren Widerstand gegen die von ihnen erfahrenen Verhältnisse zu signalisieren, werten sie das Symbol damit eventuell neu, machen es teilweise zu ihrem eigenen.

Dies führt zu der Frage nach Solidarisierungsmöglichkeiten von nicht direkt betroffenen Individuen mit tatsächlich Betroffenen von räumlich oder gesellschaftlich entfernten Problematiken. Symbole stellen in diesem Sinne nicht selten ein Mittel dar, Unterstützung zu bekunden und sich mit den Betroffenen gleichzusetzten. Die Adaption eines Zeichens o.Ä. betont also das Verbindende zwischen den Menschen, was wiederum als Abgrenzung zu anderem verstanden werden kann. Abgesehen davon, dass Identität meist nur mithilfe von letzter annährungsweise fassbar wird, würde ein Ausschluss von kultureller Aneignung, im Sinne der Übernahme von Kulturgütern aus anderen Kreisen als dem vermeintlich eigenen, Solidarisierung letztlich ausschließen. Denn nur über Identifikation, mit Erfahrung unterschiedlichster Art oder schlicht einer Meinung, können Verbindungen hergestellt werden. Äußere Bedingungen, wie soziale Ungleichheit, werden damit kritisiert, indem zugleich äußere Präsentation als Punkt der Verbindung genutzt wird. Für viele Protestformen der Solidaritätsbekundung, beispielsweise einer benachteiligten sozialen Gruppe, die ihre Forderungen ohne Hilfe nicht durchsetzen könnte, ist dies von großer Bedeutung.

Die zentralen Streitpunkte um den Vorwurf der kulturellen Aneignung sind daher berechtigter Weise Rassismus, Unbedachtheit und Ignoranz. Wobei sie in Teilen auch als schöpferisches und vereinigendes Element betrachtet werden kann. Die Auffassung, Kulturgüter müssten getrennt bleiben, geht schließlich auf die Realität zurück, dass die Gesellschaft als Mosaik betrachtet wird, worüber oft das Gesamtbild, an dem alle teilhaben, vergessen wird. Denn das absolut zu setzende einende Element ist schließlich die Teilhabe an der Zivilisation als solches, bedingt durch das Dasein als Mensch. Damit verbunden ist auch die Macht gegen Ungleichheiten und strukturellen Rassismus vorzugehen, anstatt sich unbedacht eines Reichtums zu bedienen, deren Schöpfer nicht geachtet werden. Die Diskussion um kulturelle Aneignung widmet sich damit besonders Unterdrückungs- und Dominanzverhältnissen, weshalb es am wenigstens um die übernommenen Kleidungsstücke oder Kulturgüter selbst geht.

Lilli Wallot (MSS 13)

 

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