Eine Kürzestgeschichte: „Das Monster“

Ein Windstoß heulte auf. Eine Matratzenfeder stach ihm spitz in seinen Rücken. Er atmete tief ein. Es tat weh. Er öffnete ein Auge und sah nur Finsternis. Nach dem er ein paar Mal geblinzelt hatte, nahmen seine Augen Umrisse wahr und nach ein paar weiteren Momenten begannen sich die Formen zu verdichten und er erkannte, dass er auf seinem Sofa lag, welches – dem Geruch nach zu urteilen – dringend mal eine Erneuerung bräuchte. Die Fenster waren geschlossen, die Vorhänge ebenso. Licht fiel einzig durch ein Fenster im Dach. Staub lag fingerdick auf den Möbeln. Nichts rührte sich, man hörte einen Wolf in weiter Ferne heulen. Es störte ihn nicht. Er spürte seinen Körper nicht, eine Abwechslung zu den sonst üblichen Schmerzen, die er immer fühlte, bei jeder Bewegung. Doch heute war es anders, er hatte sich lange darauf vorbereitet. In seiner Ansammlung von Töpfen, Gläsern, Tellern und Besteck, welches er seine Küche nannte, sammelten sich Berge von Medizin, hauptsächlich Schmerzmittel, welche zu einem großen Teil verbraucht waren. Betäubt von den Tabletten fühlte er sich meistens gut, was jedoch heute nicht der Fall war. Heute war es so weit. Heute ging er zum ersten Mal seit einem Jahr wieder hinaus in die reale Welt und flüchtete sich nicht in seine Einsamkeit. Er fasste sich an seinen Kopf, fühlte die verwuschelten Haare, alles schien normal. Dann glitt seine Hand weiter nach hinten und sein Lächeln schwand, als er die Beule an seinem Hinterkopf fühlte. Er glitt für eine Sekunde in einen Flashback, die Szene spielte sich vor seinem inneren Auge ab, er hörte ein lautes Geräusch und den Schrei einer Frau, seiner Mutter, wie er sich erinnerte. Dann glitt er zurück in die reale Welt. Schwindel ergriff ihn. Er konnte sich nur mit Mühe daran hindern, umzufallen.

Ein Sonnenstrahl fiel durch das Dächermeer auf seine Haut. Er blinzelte im Sonnenlicht und nahm seine Kapuze ab. Ihm gegenüber war ein Schaufenster, welches vollständig verspiegelt war. In einer Sekunde der Ewigkeit drehte er sich um. Vom Sonnenlicht hell erleuchtet, sah er das Gesicht. Sein Gesicht, welches er seit nun mehr als 5 Jahren immer zu verstecken versuchte. Er betrachtete die Brandnarben, die sich wie Schlangen durch sein Gesicht fraßen, es verunstalteten und unförmig machten. Diese Narben, die ihn quälten, ihm Schmerzen bereiteten und ihn seit so langer Zeit von der Außenwelt abschotteten.

Dann fiel er in seine Erinnerungen zurück. Gedanklich durchlebte er den Moment, der sein Leben veränderte, erneut: Die ausgelassene Stimmung unter den Geschwistern, das Lachen seiner Eltern und schließlich seinen kleinen Bruders, der an der Tischdecke zog. Und dann den gigantischen Kerzenständer, welcher über die Tischkante glitt und sich im Fallen halb überschlug, während er das Lachen verstummen hörte, vernahm er einen stechenden Schmerz – ein Gefühl, als ob sich alles verschieben würde, er taumelte rückwärts, spürte Wärme an seinem Gesicht, hörte den Schrei seiner Mutter, das Umkippen von Stühlen, das Klirren von Besteck, dann das Knacken von Holz, als er rückwärts in den Kamin stürzte und die sengende Hitze des Feuers sein glühendes Haar und seine Haut schmolz. Dann wurde alles um ihn herum schwarz.

Akif Umminger (9B)