Artikel 19: Meinungs- und Informationsfreiheit

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Eine Geschichte:

Mein Name ist Melin und ich bin eine zwanzigjährige, in der Türkei lebende Bloggerin. Momentan beende ich meinen letzten Blogeintrag. Schnell überfliege ich ihn nochmal auf Rechtschreibfehler und stelle ihn dann online. Ich bin gespannt auf die Reaktionen meiner Leser. Der Blog ging nämlich über den Putschversuch und ist relativ kritisch gegenüber der Regierung. Ich lasse zwar auch in meinen anderen Blogeinträgen meine Meinung durchblicken, aber so klar habe ich sie noch nie geäußert.

Ich fahre den Laptop herunter und stehe auf. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es erst 15:27 Uhr und noch genug Zeit für ein Treffen mit meinen Freunden ist. Schnell ziehe ich mein Handy hervor und gehe auf den Gruppenchat mit meinen Freunden. Ich frage, ob jemand Zeit hat und meine zwei besten Freundinnen stimmen einem Treffen in unserem Lieblingscafé zu. Schnell nehme ich mein Handy und etwas Geld mit, ziehe meine Schuhe an, nehme den Hausschlüssel mit und verlasse dann meine Wohnung. Eine Jacke brauche ich bei der Hitze nicht. Im Café angekommen, halte ich nach den beiden Ausschau und entdecke sie an unserem Lieblingstisch. Ein Eistee steht schon vor einem leeren Stuhl, welcher allem Anschein nach meiner ist. Ich laufe in ihre Richtung, begrüße meine Freundinnen und nehme Platz. „Na, bist du fertig mit deinem ‚weltverbessernden‘ Blog?“, fragt mich leicht spöttisch Samira, eine meiner Freundinnen. Die Augen verdrehend antworte ich ihr mit einem knappen Nicken. „Zufälligerweise habe ich meinen Laptop mitgenommen, als hätte ich es geahnt, dass du fertig bist. Ist ja nicht so, als würdest du, während du schreibst, dich vollkommen abschotten und erst dann wieder auftauchen, wenn du fertig bist.“, sagte Elisa, die andere Freundin, grinsend. Wir drei lachten. „Bin ich wirklich so schlimm, wenn ich schreibe?“, fragte ich. „NEEIIN, du doch nicht!“, bekam ich als einstimmige Antwort. Ich schmunzelte. „Aber wenn du den Laptop dabei hast, Elisa, kann ich euch ja gleich meinen Blogeintrag zeigen. Er ist nämlich ein bisschen anders als sonst geschrieben und ich bin neugierig auf eure Reaktionen.“ Mit diesem Satz kramte Elisa in ihrer Tasche und zog ihren Laptop heraus.

Ein paar Minuten später hat dieser die Seite meines Blogs geöffnet. Gespannt lesen sich die beiden den Eintrag durch und ich versuche aus ihren Gesichtsausdrücken herauszufinden, was sie von dem Eintrag halten. Es ist aber sehr schwer, nur anhand ihrer Mimik herauszufinden, was sie denken, da die beiden keine Miene verziehen. „Du weißt schon, was du da geschrieben hast, Melin, oder?“, kam es von Samira. „So schlecht?“, fragte ich sie verunsichert. „Nein, bloß, es ist halt wirklich ziemlich kritisch gegenüber der Regierung. Du musst mit deiner großen Klappe echt aufpassen. Nicht, dass wir dich in Zukunft nur im Gefängnis besuchen dürfen.“, sagte Samira. „Was ist denn darin so Verwerfliches? Ich habe nur meine Meinung aufgeschrieben und sie mit meinen Lesern geteilt. Ich komme schon nicht ins Gefängnis.“, entgegnete ich ihr. „Sei dir da mal nicht so sicher, Melin. Du weißt, wie die Regierung dazu steht. Weißt du, du bist nicht in Deutschland oder sonst irgendeinem Land, wo kaum eingeschränkte Meinungsfreiheit herrscht, sondern hier, in der Türkei. Und du weißt genauso gut wie ich, dass man so etwas hier nicht gerne sieht! Ich stimme dir doch zu, Melin. Der Blog ist auch mal wieder fantastisch geschrieben, aber ich habe einfach Angst um dich.“, kam es von Samira. „Wow, aber eins muss man sagen: der Blog kommt gut an, der letzte Eintrag von dir hatte schon 2.500 Aufrufe! Und das, obwohl er gerade einmal eine Stunde online ist. Wenn du so weiter machst, wirst du irgendwann mal eine berühmte Bloggerin.“, rief Elisa aus.

Bei der Zahl bekam ich große Augen. Darüber hatte ich noch nicht so sehr nachgedacht. Mich beschäftigte der Gedanke so sehr, dass ich nichts mehr mitbekam. „Melin? Melin?! Okay, ich glaube mit ihr ist nichts mehr anzufangen. Ich gehe dann mal. Tschüss ihr beiden.“, sagte Elisa und ging. Samira guckte mir nochmal in die Augen: „Versprich mir, dass du auf dich aufpasst, Melin.“ Ich nickte. „Gut, dann Tschüss. Pass auf dich auf!“, verabschiedete sich Samira. Und weg war sie.

Bezahlt hatten wir schon, weswegen ich aufstand und nach Hause ging. Die Uhr zeigte 16:30 Uhr an. Zuhause angekommen, kochte ich mir etwas, setzte mich mit dem Essen auf das Sofa, balancierte den Laptop auf meinen Knien und machte mich daran, die Kommentare zum letzten Eintrag zu lesen und manchen auch zu antworten. Ich bekam ein paar Nachrichten von Freunden oder Verwandten, die mir zu meinem Blog gratulierten, gleichzeitig aber auch ihre Besorgnis um mich ausdrückten. Ich verstehe immer noch nicht ganz, warum alle plötzlich meinen, dass ich auf mich aufpassen soll. Naja, auch egal. Erneut sah ich auf die Uhr, 18:15 Uhr. Wie die Zeit verflogen war! Ich legte meine Lieblings-DVD ein und kuschelte mich in das Sofa. Nach dem Film machte ich mich bettfertig, beantwortete die letzten Kommentare und ging ins Bett. Ich schlief allerdings sehr unruhig. Mitten in der Nacht wurde dann an meine Wohnungstür gehämmert. Da ich noch relativ wach war und das hämmern mich störte, stand ich auf und öffnete die Tür. Vor der Tür standen mehrere breit gebaute Männer. „Guten Abend, sind wir hier bei der Bloggerin MelinsLife?“, fragte einer barsch. „Ja, die bin ich, wieso?“, fragte ich leicht beängstigt. Woher wissen die, wo ich wohne? „Wir kommen von der Regierung und haben Grund zu der Annahme, dass Sie bei dem Putschversuch zwischen dem 15. und 16. Juli im letzten Jahr beteiligt waren.“, fügte der Mann hinzu. „Ich, nein, wieso…ich meine, wie kommen Sie darauf…wieso sollte ich?“, stammelte ich. „Geheime Quellen, und jetzt kommen Sie!“, bekam ich die grobe Antwort. „Aber…“, setzte ich an. „Kommen Sie!“, knurrte er und zerrte mich am Arm aus der Wohnung. Ein anderer schlug schnell die Wohnungstür zu und ein dritter legte mir Handschellen um. „Ab ins Gefängnis mit Ihnen, Sie Landesverräterin! Das haben Sie jetzt von Ihrer kritischen Meinung!“, knurrte einer der Männer. Hätte ich doch bloß meine Klappe nicht soweit aufgerissen!

So etwas passiert hier in Deutschland natürlich nicht. Unsere Geschichte mag zwar fiktiv sein, in der Türkei jedoch könnte das, was Melin passiert ist, durchaus real sein. Neusten Berichten Zufolge sollen in der Türkei etwa 150 Journalisten in Haft sitzen (Stand: Ende Januar 2017). Von daher können wir uns glücklich schätzen, unsere Meinung frei und öffentlich äußern zu dürfen, solange sie nicht gegen ein anderes Menschenrecht verstößt.

Paulina Schick und Sarah Bejsiuk (9A)