Artikel 12: Freiheitssphäre des Einzelnen

Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

Es ist offensichtlich, was mit Artikel 12 der Menschenrechtserklärung gemeint ist: Er dient zur Sicherung der Privatsphäre, indem zum Beispiel ausgeschlossen wird, dass jemand willkürlich Hausdurchsuchungen vornehmen, deine E-Mails und Whatsapp-Nachrichten anschauen oder deinem Ruf durch das Verbreiten falscher Gerüchte schaden darf.

Es ist schwer definierbar, was in diesem Zusammenhang mit dem „willkürlichen Eingreifen in die Familie“ gemeint ist, da je nach Kultur der Begriff „Familie“ anders ausgelegt werden kann. Zum Beispiel wird die Freiheit zu Heiraten mit einbezogen, klar ist jedoch, dass es viele verschiedene Meinungen gibt, wann und zwischen wem eine Ehe erlaubt sein sollte.

Bei diesem Menschenrechtsartikel liegt die Betonung auf willkürlich. Natürlich darf die Polizei bei Verdächtigen die Wohnung durchsuchen oder den SMS-Verlauf lesen, das ist fundamental um Ermitteln zu können.

Willkürliche Eingriffe finden auch nicht statt, wenn ich zustimme, dass meine Daten im Internet gesammelt werden dürfen. Immerhin geben wir ganz freiwillig unsere Identität auf Facebook, Instagram etc. preis. Es ist eine Form der Eigenverantwortung, sein Privatleben so gut es geht aus dem Internet herauszuhalten, denn das Internet vergisst ja bekanntlich nichts. Wer es trotzdem lustig findet, Bilder seiner Sauf-Eskapaden auf Facebook hochzuladen, braucht sich in fünf Jahren nicht über abgewiesene Bewerbungen zu wundern. Abgesehen davon reicht es auch nicht, in den Menüeinstellungen sein Konto auf „privat“ zu stellen, das ist nur eine Illusion, um uns selbst in Sicherheit zu wiegen. Nicht nur über Datenlecks gehen persönliche Daten verloren, meistens müssen wir schon vor der Nutzung einer App oder Website den Nutzungsbedingungen zustimmen, die das Nutzen der eigenen Daten zur „Angebotsoptimierung“ möglich machen. Unter anderem möchte man erreichen, effektiver Werbung schalten zu können oder die Beiträge, die einem angezeigt werden, zu individualisieren. Ein dadurch resultierendes Problem sind die bekannten „Filter-Bubbles“, die statt Individualisierung Abschottung durch das verringern der Perspektive fördern. Wenn du bei einem kontroversen Thema überwiegend Beiträge der einen Seite liest, bekommst du nun nur die Beiträge angezeigt, die zu deiner Meinung passen. Die Folge ist das totale Ignorieren der Gegenargumente und damit unweigerlich das Drängen in eine bestimmte Denkrichtung – praktisch eine Selbstzensur. Aber wer möchte schon auf die Nutzung von Apps und Social-Media-Plattformen verzichten?

Ein großes Thema seit der Enthüllung des NSA-Affäre aber auch angesichts der sich häufenden Terroranschläge ist auch die gesetzlich erlaubte Massenüberwachung, egal ob im Internet oder in der realen Welt. Ist es nun Einschränkung oder Schutz der Privatsphäre, wenn wir unsere Identität oder persönliche Daten herausgeben müssen? Eine in unserer Gesellschaft oft vertretene Ansicht ist: „Mir ist es egal, ob jemand meine Nachrichten mitliest. Ich habe ja nichts zu verbergen!“. Wie Edward Snowden schon sagte, ist, zu argumentieren, dass einem das Recht auf Privatsphäre nichts bedeutet, weil man nichts zu verbergen hat, nicht anders, als zu sagen, freie Meinungsäußerung bedeute einem nichts, weil man nichts zu sagen hat.

Diese Leute, denen ihre Privatsphäre scheinbar egal ist, sind dieselben, die ihre Smartphones mit einer PIN-Nummer sichern, sich Passwörter für ihre Konten ausdenken und abends kontrollieren, ob ihre Haustür abgeschlossen ist. Da wir in der digitalen Welt keine realen Menschen vor uns sitzen haben, sinkt die Hemmschwelle, was das Weitergeben seiner Identität angeht natürlich gewaltig. Dinge, die manche im Internet über sich oder auch andere veröffentlichen, würden sie nie einem Fremden auf der Straße erzählen. Tatsache ist, dass sie es online trotzdem tun.

Selbst wenn unsere jetzige Regierung verantwortungsbewusst mit den Daten der Bevölkerung umgehen würde, kann niemand garantieren, dass es ausländische Geheimdienste oder zukünftige Regierungen genauso halten. Würden wir uns nur mal vorstellen, im Internet und auch auf der Straße rund um die Uhr überwacht zu werden, wüssten wir, dass Privatsphäre überhaupt nicht egal ist, sondern zu einem unserer wichtigsten Rechte zählt. Jeder verhält sich anders, sobald er sich in Gesellschaft oder in der Öffentlichkeit befindet. Man passt sich an und agiert konformistischer, was sich, psychologisch bewiesen, stark auf unsere Entscheidungen auswirkt. Somit ist Überwachung effektiv einsetzbar, um die breite Masse zu beeinflussen, Ideologien zu fördern und folglich auch die persönliche Freiheit einzuschränken. Wer nun immer noch meint, Privatsphäre sei unwichtig, kann hier gerne seine gesamten Kontodaten und Passwörter veröffentlichen.

Sarah Kühn (10C)

1 Kommentar zu "Artikel 12: Freiheitssphäre des Einzelnen"

  1. Ein sehr guter Artikel über die Bedeutung der Privatsphäre. Vor allem die letzten drei Abschnitte sollten wirklich zu denken geben…

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