Artikel 1: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

So lautet der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, welcher wohl auch einer der Bekanntesten ist. Er fasst die Hauptgedanken der Menschenrechtserklärung zusammen, die letztendlich darauf aufbauen (z.B. Art. 3 (Recht auf Leben und Freiheit), Art. 4 (Verbot der Sklaverei und des Sklavenhandels), Art. 7 (Gleichheit vor dem Gesetz)). Deswegen ist es wichtig, sich zuallererst über die Grundbegriffe Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit klar zu werden.

Wenn man sich die Geschichte der Menschheit anschaut, wird man feststellen, dass Freiheit und Gleichheit zu keiner Zeit gegeben waren. Dazu brauchen wir uns nur mal die gesellschaftliche Ordnung anzusehen:

Die Gesellschaft war und ist hierarchisch aufgebaut, das heißt in verschiedene Schichten unterteilt, die sich klar unterscheiden. Durch Klassen, Kasten, Stände wurden Gruppen gebildet, die die allgemeine Ordnung erhalten sollten – heute kennen wir die Ober-, Mittel- und Unterschicht. Diese Gesellschaftsordnungen sind pyramidal aufgebaut, grob gesagt, mit wenigen privilegierten Menschen an der Spitze und einer breiten Masse darunter. Durch Unterdrückung sicherten sich die Oberen ihre Macht, während sich die Unteren ihnen beugen mussten, um ihre eigene Existenz zu sichern (wie z.B. Leibeigene im Mittelalter). Das ist ganz entscheidend, um den Zusammenhang zwischen Freiheit und Gleichheit zu verstehen. Freiheit entsteht aus Gleichheit, denn ohne Gleichheit gibt es keine Freiheit. Ein Mensch kann niemals frei sein, wenn er auf Grund von Geschlecht, Religion, Herkunft etc. minderwertig behandelt wird und deswegen niedrigere Entwicklungschancen erhält.

Sicher hat jeder von uns etwas andere Vorstellungen von Freiheit: Ob es nun Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, oder einfach nur die Freiheit ist, tun und lassen zu können, was man möchte. Die meisten politischen Strömungen berufen sich auf Freiheit, wie z.B. Liberalismus (Betonung auf individueller Freiheit), Sozialismus und Kommunismus (Freiheit der Arbeiterklasse von der kapitalistischen Produktionsweise) und sogar Nationalsozialismus (Freiheit für das eigene Volk)

Man merkt schnell, dass die Definitionen variieren. Klar ist: Freiheit beschreibt Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.

Deswegen sollten wir nicht nur auf die äußere Freiheit, also auf rechtliche, politische und soziale Freiheit achten, sondern auch auf innere Freiheit. Damit ist gemeint, die Möglichkeit zu haben, seine Talente und Anlagen, die einem zur Verfügung stehen, zu nutzen. Diese Freiheit nehmen wir uns nämlich selber unbewusst, indem wir uns Zwängen, Rollenmustern oder Erwartungshaltungen ergeben. Denn das sind alles Aspekte, die uns in unserer persönlichen Freiheit einschränken und in unserer einfältigen Gesellschaft anscheinend als naturgegeben angesehen werden. Das bedeutet: Hört nicht auf „Man macht das nicht“, fühlt euch nicht genötigt, als Junge/ Mädchen irgendetwas zu tun, weil es sich so gehört und lasst euch nicht von Erwartungen eurer Familie in euren Zukunftsplänen beeinflussen – einen eigenen Kopf zu haben ist auch eine Form der Freiheit!

„Alle Menschen (…) sollen sich im Geist der Brüderlichkeit begegnen“ heißt es weiterhin (Wo wir schon bei Gleichheit sind, warum eigentlich nicht Schwesterlichkeit?). Die Familie ist, so hart es nun mal klingt, eine Zwangsgemeinschaft. Das gilt genauso für Klassenverbände, Vereine und sogar die Menschheit an sich. Grundsätzlich bedeutet das, auch wenn man unterschiedliche Ansichten vertritt, sich um soziales und wenn nötig solidarisches Miteinander zu bemühen. Da wir alle keine Einsiedler sind, ist es wichtig, sich gegenseitig in seinen Entscheidungen zu berücksichtigen und zu unterstützen. Die eigene Freiheit endet dort, wo sie Freiheit des anderen beginnt.

Nun fehlt nur noch die Würde. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1 GG) steht auch in unserem Grundgesetz. Es wird also deutlich, wie wichtig Würde ist, ein zuerst sehr abstrakt wirkender Begriff, der sich durch Wörter wie Anerkennung, Respekt, Achtung, Ehre und Wertschätzung vereinfacht darstellen lässt. Mit Würde möchte jeder gerne behandelt werden, und wir sind auch von Geburt aus mit ihr ausgestattet. Zur persönlichen Entfaltung ist Würde unablässig, da sie unser Selbstbild widerspiegelt. Auch durch unseren Kulturkreis wird bestimmt, was Würde bedeutet: Manche indigene Völker oder alte Volksstämme sehen die Menschen als untrennbaren Teil der Natur an und stellen sich nicht, wie es in unserer Gesellschaft der Fall ist, über sie, weswegen aus der Menschenwürde auch gleichzeitig Natur- und Tierwürde abgeleitet wird. Als ein Lebewesen dieser Welt, ist es demnach natürlicherweise unsere Pflicht, auch anderen Lebewesen, Pflanzen etc. würdevoll zu begegnen. Dieser Gedankenunterschied zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass in Indien Flüsse zu juristischen Personen erklärt worden sind. Eine Folge davon ist unter anderem, dass jede Form von Verschmutzung nun illegal geworden ist. Wenn wir Menschen unserer Umwelt mit Respekt, Dankbarkeit und Würde gegenübertreten würden, genauso wie auch einer Person, wären alle Diskussionen über Nachhaltigkeit und Umweltschutz hinfällig – solche Probleme würden überhaupt nicht existieren. Leider schaffen wir es aber nicht mal, Tieren Achtung entgegenzubringen. Man denke nur an manche Zoos oder Zirkusse, in denen nicht vom Aussterben bedrohte Tiere in Gefangenschaft geboren worden sind, zur Belustigung der Zuschauer vorgeführt werden und ohne jemals in Freiheit gelebt zu haben, wieder sterben.

Abschließend lässt sich also sagen, dass es sich lohnt, sich nicht nur oberflächlich mit den einzelnen Menschenrechtsartikeln auseinander zu setzen, sondern sich tiefgehender die Definitionen und die verschiedenen Möglichkeiten zur Auslegung klar zu machen.

Sarah Kühn (10C)